Der designierte ORF-Chef Clemens Pig spricht im oe24.TV-Interview mit oe24-Chefredakteur Niki Fellner über die Zukunft des ORF, den er am 1. Jänner 2027 als Generaldirektor übernimmt. Pig rechnet mit einem zweistelligen Millionen-Minus im neuen Jahr und kündigt harte Sparmaßnahmen an.
Neuer ORF-General Clemens Pig
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oe24: Es kursieren derzeit alle möglichen Zahlen, was den Sparbedarf des ORF betrifft. Wie hoch ist denn der Einsparungsbedarf des ORF Ihrer Meinung nach?
Clemens Pig: Was wir ganz bestimmt wissen, ist, dass der Einsparbedarf bei Untergrenze 140 Millionen Euro liegt. 40 Millionen davon aufgrund der Nichtvalorisierung der Haushaltsabgabe. Die wird nicht erhöht, während Energiekosten etc. für uns steigen. Es kommen 90 Millionen dazu, weil die Refundierung des Vorsteuerabzugs kurzfristig gestrichen wurde. Dann ist man auf 130 Millionen und dann kommen weitere 10 Millionen dazu, weil es weniger Haushalte bzw. Unternehmen gibt, die Haushaltsabgabe bezahlen. Zusätzlich könnte es aufgrund der schwankenden Werbeerlöse nach unten gehen.
“Aus aktueller Sicht müssen wir davon ausgehen, dass wir nächstes Jahr ein Minus schreiben werden.”
Clemens Pig
oe24: Wird der ORF Ihrer Meinung nach im heurigen Jahr positiv abschließen?
Pig: Ich gehe von heuer von einer Null aus, im besten Fall. Aus aktueller Sicht müssen wir davon ausgehen, dass wir nächstes Jahr ein Minus schreiben werden. Ich gehe im Moment von einem zweistelligen Millionenbetrag aus.
oe24: Es steht ein größerer Personalabbau im Raum. Da hieß es zuletzt, bis zu 300 Personen könnten betroffen sein. Stimmen diese Zahlen in etwa?
Pig: Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck an der Frage, wie wir den ORF zukunftssicher aufstellen können. Für 2027 gelingt das nur aufgrund der Kurzfristigkeit, indem wir Einmal-Effekte herstellen, also das Familiensilber angreifen, wenn man so will. Für 2028 braucht es dann sogenannte strukturelle Maßnahmen. Da wird die Frage sein, wie breit die Führung im ORF aufgestellt ist. Leider kann kein Geschäftsführer der Welt Personalabbau ausschließen.
“Leider kann kein Geschäftsführer der Welt Personalabbau ausschließen.”
Clemens Pig
oe24: Welche Bereichen werden vom Personalabbau betroffen sein? Es wird ja wohl nicht nur administrative Stellen treffen.
Pig: Das ist derzeit viel zu früh, da konkrete Auskunft zu geben. Wir werden alles analysieren, alles anschauen. Der ORF wird aufgrund dieser Gegebenheiten fokussierter und schlanker werden müssen.
oe24: Das eine ist das Personal, das andere ist das Programm. Ganz ohne Einsparung beim Programm wird es aber wohl auch nicht gehen?
Pig: Der erste Punkt beim Programm ist einmal der, einmal überhaupt zu verstehen, warum braucht es den ORF. Das eine sind die Nachrichten und die Informationen, auf die wir uns alle verlassen wollen. Wenn wir nach Österreich schauen, hat der ORF neben der nationalen Berichterstattung etwas sehr Wertvolles. Das sind die regionalen Landesstudios.
Menschen müssen wissen, was sie beim ORF finden. Das sind österreichische Inhalte, regionale Inhalte.
Jeder und jede muss wissen, warum zahle ich diese Haushaltsabgabe. Da müssen wir wesentlich besser noch diesen Nutzen voranstellen. Das muss sich vor allem im Programm darstellen und zeigen.
oe24: Wo setzen Sie Programmschwerpunkte?
Pig: In der regionalen Berichterstattung, aber auch der Wirtschaftsräume mit Fokus auf mittlere und kleine Betriebe mit Innovation. Ein anderer wird sein, wie erreichen wir jüngere Zielgruppen wesentlich besser... Ich glaube ich, wir können mutiger sein, mehr live präsentieren auf digitalen Kanälen. Auch Sport ist wichtig.
oe24: Wird sich der ORF die Sportrechte in Zukunft leisten können?
Pig: Es wird schwieriger werden. Wir sind eine Skifahrernation. Wir sind auch eine Fußballnation. Und das muss noch prominenter im Programm sein. Ich glaube, hier liegt die Zukunft in der Kooperation mit anderen Medien.
“Ich bin schon der Meinung, es muss auch im Programm des öffentlich-rechtlichen Senders verankert sein, dass wir eben Fußball, aber auch den Ski-Weltcup und Skirennen zeigen.”
Clemens Pig zum Kauf von Sportrechten
oe24: Wie ändert sich die Strategie, die Ausrichtung der einzelnen Sender?
Pig: Also was ORF1 betrifft, liegt die Herausforderung sicher darin, ORF1 jünger zu positionieren, mit einem mutigeren und jüngeren Programm. ORF2 sollte noch mehr aus den Regionen anliefern.
ORF3 wird als Marke, als Kanal und insbesondere als Kulturangebot, das ja auch die regionalen Kulturbühnen und vielfältiges Kulturprogramm bietet, ganz bestimmt weitergehen. Die Frage ist bei ORF3 viel eher, wie produzieren wir das zukünftig.
Und was FM4 betrifft, glaube ich, liegt die Weiterentwicklung darin, dass es eine vielfältige Kreativszene gibt, beispielsweise auch im Podcast-Bereich, in dieser sogenannten Creator Economy, wo viele junge Menschen sich in der Medienindustrie behaupten wollen.
oe24: Was passiert mit dem Radiosymphonieorchester?
Pig: Das ist eine Frage, die uns derzeit auch beschäftigt, die auch viele europäische öffentlich-rechtliche Sender betrifft. Ich finde das Radiosymphonieorchester von seiner Leistung her großartig. Wir müssen schauen, wie können wir es schlichtweg in der Zukunft finanzieren. Es gilt eine echte Strategie zu entwickeln.
Verzicht auf Geld-Bonus
Im ORF setzt sich ein Teil der Gehälter, zumindest in der Führungsebene, aus erfolgsabhängigen Boni zusammen, die mehrere zehntausend Euro im Jahr ausmachen können. Pig will diese abschaffen.
oe24: Sie selbst haben ja angekündigt, auf erfolgsabhängige Bonuszahlungen künftig verzichten. Was heißt das in Geld und wie viel werden Sie dann weniger verdienen als Ihr Vorgänger?
Pig: Also in Zahlen möchte ich das nach außen hin jetzt nicht gießen. Das ist ja letztlich auch die Aufgabe des Stiftungsrats und des Stiftungsratsvorsitzenden, mit mir hier die entsprechenden Gespräche zu führen. Mir ist eines einfach ganz wichtig: Der ORF muss sparen. Und ich bin der Meinung, da sollte man an der Spitze des Unternehmens beginnen. Das bin ich. Man sollte auch beginnen, eine neue Gehaltspyramide im Unternehmen zu entwerfen.
“Das war ein aktiver Vorschlag von mir selber zu sagen, ich verzichte auf diesen erfolgsabhängigen Bonus. Ich reihe mich damit auch etwas unterhalb der alten Logiken der Generaldirektorenvergütung ein.”
Clemens Pig wird weniger verdienen als Weißmann, Wrabetz und Co
An Haushaltsabgabe will er festhalten
oe24: Zuletzt wurde auch wieder stark über die Finanzierung des ORF diskutiert. Die ÖVP hat da für manche überraschend in einem Positionspapier auch die Haushaltsabgabe infrage gestellt und sich für eine Budgetfinanzierung ausgesprochen. Ist die Haushaltsabgabe aus Ihrer Sicht noch zeitgemäß?
Pig: Ich glaube, es gibt ein übergeordnetes Ziel und dieses übergeordnete Ziel heißt, dass es eine stabile Finanzierung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt und das Prinzip des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist ja auch in der Verfassung verankert. Nicht der ORF, aber das Prinzip eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und das benötigt eine planbare Finanzierung, die über einen friedlichen Machtwechsel in Demokratien hinausgeht.
Das Modell der Haushaltsabgabe ist eines, das ich deshalb gut finde, weil jemand, der Monat für Monat eine Rechnung stellt und das ist ein sehr privatwirtschaftlicher Gedanke, muss ein maximales Dienstleistungsversprechen abgeben. Der muss sich maximal um das Publikum bemühen und das tue ich. Und ich glaube, dass die Haushaltsabgabe die emotionale Bindung zum Publikum und die Nähe erhöht und gleichzeitig die Distanz zur Politik erhöht.
Bei einer Budgetfinanzierung liegt eben die Gefahr drinnen, dass sich die Abhängigkeit von der Politik erhöht. Es ist aber nicht die Entscheidung des Generaldirektors. Für mich ist unabhängig vom Modell eines zentral, es braucht eine Planbarkeit in der Finanzierung.
oe24: Am 1. Jänner 2027 geht ihr Job als ORF-Chef los. Was ist Ihre erste Amtshandlung?
Pig: Die erste Amtshandlung wird sein, im ORF tatsächlich am 1. Jänner präsent zu sein. Ich bin ja jetzt ja auch schon im ORF, um mich einzuarbeiten. Und dann gehen auch die formalen Schritte los, wo es darum geht, auch die ganze neue Organisationsstruktur, die ich ja mit den neuen Direktorinnen und Direktoren einbringe, umzusetzen. Und das wird tatsächlich am 1. Jänner passieren.
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