Ingrid Wiener

Sarah Wiener trauert um ihre Stiefmutter

SarahWiener
© Getty Images
Vielseitige Künstlerin, die in den 50ern und 60ern mitten im Kunst-Geschehen war und die Textilkunst modern und unkonventionell interpretierte.
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Die Wiener Künstlerin Ingrid Wiener ist gestorben. Das melden das Museum für Angewandte Kunst (MAK), wo sie zuletzt 2023/24 in der Ausstellung "Hard/Soft. Textil und Keramik in der zeitgenössischen Kunst" vertreten war, und die Wiener Charim Galerie, die u.a. 2015 die Ausstellung "Ein Briefwechsel Nils Röller - Ingrid Wiener" über ihren Austausch mit dem Philosophen und Medientheoretiker Nils Röller zeigte. Am Freitag hätte sie ihren 84. Geburtstag gefeiert.

Ingrid Wiener, geborene Ingrid Schuppan, widmete sich seit langem der Kunst des Webens und vereinte Elemente der Textilkunst, Fotografie, Malerei und Collage zu einer neuen Bildsprache. Mit ihrem Ehemann, dem Künstler Oswald Wiener (1935-2021), lebte sie mehrere Jahre in Berlin und Kanada, später in der Südoststeiermark. 2019 erschien Carolin Würfels Porträtbuch "Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung", in dem sie viele wunderbare Geschichten über eine selbstbewusste Frau erzählte, die mitten drinnen war in der vielleicht wichtigsten künstlerischen Bewegung Österreichs der Nachkriegszeit. "Was war das für ein Mensch, der da durch das Wien der Fünfzigerjahre zog?", fragte Würfel. "Da muss jemand unfassbare Lust auf das Leben gehabt haben und verdammt mutig gewesen sein."

Ingrid Wiener
Ingrid Wiener © Padhi Frieberger, Belvedere Wien/ Österreichische Nationalbibliothek, Literaturarchiv

Freie Kunst und freie Liebe

Die junge Frau pfeift auf Konventionen und fühlt sich vom unangepassten Künstlerleben magisch angezogen. Das Gymnasium schmeißt sie, die Handelsschule bringt sie irgendwie hinter sich. Doch sie will weder in einem Büro versauern, noch als Muse bedeutender (oder sich bedeutend fühlender) Männer ihr Leben verbringen. Sie besucht daher die Textilschule, wo sie sich mit Waltraud Höllinger (die als VALIE EXPORT Karriere machen wird) anfreundet und Gobelins u.a. für Dieter Roth und Friedensreich Hundertwasser zu weben beginnt. Unter den vielen Künstlern, in deren Umfeld sich die junge Frau bewegt, sind ihr zunächst Konrad Bayer und Ferry Radax am nächsten. Freie Kunst und freie Liebe, frei von Eifersüchteleien und Animositäten, lautet die Devise. Konrad und Ingrid spielen in Radax' surrealem Film "Sonne halt!", der 1959 in Cinque Terre gedreht wird.

Ingrid WIener
Ingrid WIener © Padhi Frieberger, Belvedere Wien/ Österreichische Nationalbibliothek, Literaturarchiv

Nach dem Selbstmord Konrad Bayers heiratet Ingrid Schuppan den damals noch bei Olivetti als Programmierer beschäftigten Dichter und Denker Oswald Wiener. Was in den kommenden Jahren folgt, ist nicht nur in die Kunstgeschichte eingegangen. Die zunehmende Radikalisierung des Wiener Aktionismus entlädt sich in der "Kunst und Revolution"-Aktion im Hörsaal 1 der Uni Wien. Die Polizei verfolgt die Teilnehmer dieser "Uni-Ferkelei", auch Oswald Wiener muss für drei Monate in Untersuchungshaft. Im Juni 1969 veröffentlicht er sein Buch "die verbesserung von mitteleuropa, roman", danach übersiedeln die Wieners nach Berlin.

Legendäre Lokale in Berlin

Damit beginnt ein neuer Lebensabschnitt, bei dem Kulinarik im Mittelpunkt steht. Die Wieners eröffnen in Berlin legendäre Lokale, die dank Ingrids Kochkünsten den bisher vor allem auf Buletten und Würstchen angewiesenen Berlinern das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Ihr Restaurant "Exil" wird Treffpunkt der Künstler, in dem sich auch internationale Stars wie David Bowie oder Peter O'Toole wohlfühlen. "Ingrid Wiener war für mich ein großes Vorbild und hat mir durch ihren Lebensweg Mut gemacht", wird Stieftochter Sarah Wiener auf der letzten Umschlagseite des Buches zitiert. "Ihre Küche ist wie sie selbst: leichtfüßig, unprätentiös, kreativ." Dass Ingrid und Oswald Wiener nach Berlin später auch noch in der kanadischen Einöde in Dawson City ein weiteres Kapitel aufschlagen, zeigt Rastlosigkeit und Neugier der beiden. Wiener beginnt, sich mit Vorstellungsbildern zu beschäftigen, und hält in Aquarellen ihre oft surrealen Träume fest.

"Wir verlieren eine Künstlerin, Pionierin, Vermittlerin und Freundin, die uns an ihrer Welt und ihren künstlerischen Prozessen teilhaben ließ", zeigte sich am Freitag MAK-Generaldirektorin Lilli Hollein betroffen über den Tod von Ingrid Wiener. "Aus der künstlerischen Zusammenarbeit mit Ingrid entwickelte sich über die Jahre auch eine enge persönliche Freundschaft. Ingrid war für uns weit mehr als eine von der Galerie vertretene Künstlerin. Es schmerzt sehr, Ingrid zu verlieren", ließ Galeristin Miryam Charim wissen.

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