Im Café Engländer in der Wiener Innenstadt sind die Lichter vorerst ausgegangen. Nach turbulenten Tagen hat das Traditionslokal in der Postgasse am Mittwochabend zum letzten Mal Gäste empfangen. Viele Stammgäste nutzten die Gelegenheit, um sich von ihrem langjährigen Treffpunkt und den vertrauten Mitarbeitern zu verabschieden. Aus einem letzten gemeinsamen Abend wurde eine lange Nacht, die erst am Donnerstagvormittag zu Ende ging.
Für viele war das Engländer weit mehr als ein gewöhnliches Kaffeehaus. Künstler, Schauspieler, Journalisten und Politiker gingen hier ebenso ein und aus wie Touristen. Geschätzt wurde das Lokal für seine unkomplizierte Küche, die persönliche Atmosphäre und vor allem seiner Belegschaft. Manche von ihnen arbeiteten bereits seit 20 Jahren dort, kannten die Stammgäste und gehörten für viele längst zum Inventar.
Belegschaft hielt das Lokal am Laufen
Die Mannschaft hatte zuletzt schwierige Monate hinter sich. Nach dem überraschenden Tod von Gründer und Betreiber Christian Wukonigg im Juli geriet das Engländer in finanzielle Schwierigkeiten. Im August folgte die Insolvenz der Betreibergesellschaft. Trotz ausständiger Gehälter hielt die Belegschaft den Betrieb weiter am Laufen.
Im September schien die Zukunft schließlich gesichert. Die Gastronomen Mario Plachutta und Peter Friese erhielten den Zuschlag für die Übernahme. Die beiden Familien hatten zuvor bereits das traditionsreiche Café Bräunerhof übernommen. Doch die anfängliche Hoffnung auf einen Neustart wich innerhalb weniger Tage großer Ernüchterung. Laut einem Bericht des "Kurier" soll Plachutta am Montag bei einem Lokalaugenschein Mitarbeiter lautstark beschimpft und ihnen gedroht haben. Sein Anwalt weist die Vorwürfe zurück. Es habe lediglich eine Auseinandersetzung über den Zustand der Lagerräume gegeben. Die Mitarbeiter blieben gegenüber der Zeitung allerdings bei ihrer Darstellung.
Die mehr als 20 Beschäftigten wollen unter Plachutta nicht weiterarbeiten. Die Übergabe des Lokals erfolgt ohne Übernahme der bisherigen Dienstverhältnisse. Wer auch unter den neuen Eigentümern bleiben möchte, müsste sich neu bewerben.
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Hunderte Gäste trauern um ihr Wohnzimmer
Wie viel die bisherige Belegschaft den Gästen bedeutete, zeigt sich auch im Internet. Unter dem Abschiedsposting des Engländer-Teams auf Instagram sammelten sich innerhalb kürzester Zeit Hunderte Kommentare. Dabei geht es auffallend oft weniger um das Lokal selbst als um jene Menschen, die es über Jahrzehnte geprägt haben.
Ausführlich erinnert sich ORF-"Kulturmontag"-Moderatorin Clarissa Stadler an ihre Zeit im Engländer. Dort seien Drehbücher entstanden, Reisen geplant, politische Debatten geführt und Freundschaften geschlossen worden. Sie schwärmt vom Käsetoast, dem Beef Tatar und der Zeitungsauswahl. Vor allem aber würdigt sie die Mitarbeiter, die aus dem Kaffeehaus für viele Gäste eine Art zweites Wohnzimmer gemacht hätten.
Auch andere Stammgäste erinnern sich an die kleinen Besonderheiten des Alltags. Etwa an die vielen Schnittlauchbrote, Schnitzel und Melangen, die über die Jahre serviert wurden. Viele verbinden mit dem Engländer Familienfeiern, lange Abende nach Theaterbesuchen und spontane Treffen mit Freunden.
Besonders deutlich wird die Verbundenheit beim Blick in die Zukunft. Zahlreiche Gäste wollen wissen, wo die Kellner künftig arbeiten werden, um ihnen dorthin zu folgen. Manche überlegen in den Kommentaren sogar, ob die gesamte Mannschaft nicht ein anderes Lokal übernehmen könnte. Auch die Idee einer Genossenschaft wird aufgeworfen.
Promis mit Boykott-Aufruf
Neben zahlreichen Stammgästen meldeten sich auch weitere bekannte Persönlichkeiten aus der Kulturszene. Regisseur David Schalko und Filmemacherin Marie Kreutzer zeigten sich bestürzt. Schriftstellerin Vea Kaiser würdigte die Belegschaft als "Bewahrer der echten und einzigen Wiener Kaffeehauskultur" und rief zugleich zum Boykott der Plachutta-Restaurants auf.
Mit beißendem Sarkasmus reagierte Gastronomiekritiker Severin Corti. "Ich bin überzeugt, dass Herr Plachutta sich total gut im Griff hat und auch bei diesem Lokal den Genius loci, die Seele souverän herausarbeiten wird", schreibt Corti auf Instagram. Dass er dem Engländer unter den neuen Betreibern künftig fernbleiben will, macht Corti ebenfalls deutlich. "Wir sehen uns woanders", schreibt er.
Die Trauer mischt sich allerdings mit deutlicher Wut auf die neuen Eigentümer. Neben Kaiser rief auch Journalistin Elisabeth Sereda zum Boykott auf. Zahlreiche Kommentatoren kündigten ebenfalls an, künftig nicht mehr ins Engländer zu gehen. Andere fordern eine Entschuldigung und eine Lösung, mit der die bisherige Mannschaft doch noch gehalten werden könnte. Wieder andere richten ihre Hoffnungen an Mitbetreiber Peter Friese.
Wiedereröffnung für Anfang 2027 geplant
Ganz verschwinden soll das Café Engländer ja nicht. Plachutta und Friese wollen das Lokal behutsam renovieren. Vor allem die Küche und die Lagerräume sollen modernisiert werden. Geplant sind unter anderem ein neuer Herd und eine Klimaanlage für die Küche.
Auch beim kulinarischen Angebot sind Änderungen vorgesehen. Die Speisekarte soll umfangreicher werden und künftig mehr leichte Gerichte, Mehlspeisen sowie kleine Snacks bieten. Dazu ist ein stärkerer Fokus auf Aperitifs und alkoholfreie Getränke geplant. Weiterhin soll direkt im Lokal gekocht werden. Am grundsätzlichen Konzept wollen die neuen Betreiber festhalten.
Die Wiedereröffnung ist für Anfang 2027 vorgesehen, wobei der genaue Zeitpunkt von den Lieferzeiten für die neue Ausstattung abhängt. Ob das Engländer danach wieder zu jenem Treffpunkt wird, den seine Stammgäste über Jahrzehnte geschätzt haben, bleibt offen. Denn während sich Küche und Einrichtung erneuern lassen, dürfte jene Mannschaft, die dem Kaffeehaus über so viele Jahre sein Gesicht gegeben hat, beim Neustart komplett fehlen.
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